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Zugepackt - Eine Tobitgeschichte

Ich sah sie zum ersten Mal am Schwamendinger Platz, bei den Bänken vor der Post. Sie stand, er sass, zwischen ihnen ein Metallschild, »Leben« drauf geschrieben. Er hatte zu ihr den Kopf geneigt, einen weissen Stock umklammert er mit seinen Händen. Sie las konzentriert aus einem Heftchen vor, schien direkt zu übersetzen. Ich kam näher. Als sie mich bemerkte, sagte sie auf Deutsch: „Kann ich helfen?“ Es hörte sich nicht nach einem Angebot an. „Nein. Habe nur zugehört“, gab ich auf portugiesisch zurück. Er wandte den Kopf zu mir. „Wo aus dem Tras os montes kommst du her?“, fragte er mich. „Aus Mirandela“, sagte ich, und er lächelte. „Mirandela. Hast du gehört, Sara, aus Mirandela.“ „Ist heute grösser als früher“, meinte sie, aber er schien es nicht zu hören. „Mirandela, ach, Mirandela, da habe ich oft einen guten Freund besucht. Einen wirklich guten Freund. Bis ihn die Geheimpolizei holte. Estado novo, neuer Staat“. Er spuckte auf die Erde und blickte mich dann mit seinen milchigen Augen an. „Als ich 1935 geboren wurde, war Salazer mit seinem „neuen Staat“ schon an der Macht. Als er 1970 starb, war ich schon 15 Jahre lang fort. Aber, sag, wie heisst du, Freund aus Mirandela“. „Rafael Martim Carlo Durao Moreira.“ „Moreira, bist du verwandt mit Henrigues Manuel Barroso Moreira?“ „Er ist mein Grossvater“. „Sachen gibt es zwischen Himmel und Erde, die gibt es nicht“, sagte er, „lass uns darauf was trinken.“ Er stützte sich leicht auf den weissen Stock, lehnte energisch den Arm von Sara ab und ging zielsicher Richtung »Blume«. Von seiner Zeit in Portugal erzählte er dann, der kargen Landschaft im Norden, dem Grosswerden in der Diktatur, dem Tod seines Freundes, und wie er als 20jähriger sein Glück selbst in die Hand genommen hatte. „Ich konnte dort nicht mehr leben. Alles verlogen, alle sich gegenseitig belauernd, selbst bei uns im Tras os montes, am Ende der Welt. Etwas Neues brauchte ich, Inspiration, neue Blickwinkel, nenne, wie du es möchtest.“ So war er pilgern gegangen. Aber nicht nach Braga. Sondern in Porto ging er auf den Jakobsweg, der von Lissabon aus nach Santiago führt. „Und ich fand Inspiration in Santiago. Hanna hiess sie. Ein Schweizerin aus Emmenbrücke.“ Er ging mit ihr. Heiratete. Arbeitete als Friedhofswärter. Wurde arbeitslos. Seine Frau bekam eine Stelle in Zürich, sie gingen nach Schwamendingen. Fand einen Job im Sihlfeld. Bis er erblindete. „Wie ist das passiert?“, „Nichts ist passiert“, sagte er. „Es war bei einer Friedhofshecke…“, sagte Sara, doch er unterbrach sie. „Langweile unseren Freund nicht damit. Es ist so und basta.“ Er wandte sich mir zu. „Freund aus Mirandela“, sagte er, „würdest du meine Enkelin Sara begleiten?“ Sara runzelte die Stirn. „Wohin begleiten?“, fragte ich. „Nach Emmenbrücke. Keine ferne Weltreise, aber dort sind Fremde nicht so gern gesehen.“ „Ich schaffe das allein!“, betonte Sara, aber er bedrängte mich weiter. „Geh mit ihr. Sie hat ein grosses Mundwerk, aber es braucht zwei feste Füsse auf dem Boden. Es geht um Geld, das wir im Haus meiner Frau hinterlegt haben. Ich möchte es nicht mit der Post schicken lassen. Das sind gute Leute, da im Haus der Familie. Und du kommst aus einer guten Familie. Begleite sie.“ Ich sagte zu. „Wir sehen uns dann bei mir. Und ich bezahle dich“, sagte er. Wir standen auf, verabschiedeten uns.
Draussen vor der »Blume« schüttelte Sara den Kopf. „So ein Sturrkopf“, meinte sie. „Wollen Sie wirklich mit?“ „Versprochen ist versprochen“, meinte ich, sie verzog das Gesicht. Wir gingen los. Sie hatte das Heftchen, aus dem sie ihm vorgelesen hatte, noch in der Hand. „Ist das das Heft zum Besinnungsweg?“, fragte ich sie. Sie nickte. „Da er pilgern war, wollte ich ihm von diesem Weg erzählen, doch dann kamen Sie.“ „Mich würde die Station Vollkommenheit am Chatzensee interessieren“, sagte ich. „Sagen Sie jetzt nicht, sie sind mehr so der romantische Typ.“ „Aber das bin ich“, gab ich zur Antwort, „was denn sonst? Vollkommene Orte, in denen sich Himmel und Erde begegnen, die reizen mich besonders. Kommen Sie mit. Auf dem Weg gibt es zudem ein Geschäft mit dem besten Bacalhau.“ Das überzeugte sie. Auch dass ihr störrischer Grossvater dann noch etwas warten müsse, liess sie besser gelaunt in den 62er Bus steigen. In einem kleinen Laden kauften wir Bacalhau, machten uns dann auf den Weg zum Chatzensee. Auf dem Weg erzählte sie über ihren Grossvater, diesen Sturrkopf, mit dem sie offenkundig verwandt war. „Auf dem Friedhof haben sie sich im Dunkeln immer getroffen. Sie gedachten dort der Freunde aus Portugal, die durch die Geheimpolizei ermordet worden waren. Trafen sich zweimal im Jahr, immer an den gleichen Daten, an Tagen, an denen es grosse Razzien gegeben hatte. Sie hätten sich auch in einer Beiz treffen können, aber es musste unbedingt ein Friedhof sein. Und da passierte es. Er ist in eine Hecke gefallen, dort waren irgendwelche Viecher drinnen, die haben in Panik ein Sekret ausgeschieden, und er bekam die Säure in seine Augen.“ „Irreparabel?“ „Ach was, aber der Sturrkopf will keine Operation. Bläst lieber den Fado. Sagt, dass er nun etwas besser erkannt habe. Dass er nun besser sehe, klarer. Meine Grossmutter ist auf hundertachtzig.“ „Was sieht er denn klarer?“ „Sagt er nicht. Vielleicht, dass Urteilen und Verurteilen immer schnell geht, dass das Leben aber nicht immer in der eigenen Hand liegt. Hoffentlich sieht er auch, dass das Leben mehr als aus dem Gedenken an Tote und Erinnerungen zu bestehen hat.“ Wir kamen an den Chatzensee. Bei der Badeanstalt ging Sara auf den Steg hinaus. „Kommt jetzt ein grosser Fisch und frisst mich?“, fragte sie spöttisch. Ich holte den Bacalhau aus der Tüte und streckte ihr den Fisch hin. Sie machte lachend einen Schritt zurück, verlor das Gleichgewicht, plumpste in den See. Als sie aus dem See herauskam, setzte sie sich triefend nass auf eine Bank. „Das ist also Vollkommenheit“, meinte sie. „Vollkommenheit heisst offensichtlich, dass es nicht unbedingt so kommt, wie wir es erwarten. Sie hätten den Fisch packen müssen, nicht vor ihm fliehen“, erklärte ich. „Habe ich jetzt verstanden“, gab sie zurück. „Mit den Händen zupacken und sich nicht einem Schicksal ergeben. Danke für die kluge Präsentation. Was machen sie eigentlich beruflich?“ „Ich“, sagte ich, „also, ich bin mehr so ein Vermittler. Schaffe Begegnungen, als Coach, als Berater.“ „Und was raten sie mir jetzt?“ „Ein guter Bekannter wohnt nicht weit von hier“, sagte ich. „Er lebt mit seinem Sohn und seiner Frau in Regensdorf.“ „Das passt gut“, meinte sie. Wir machten uns auf den Weg. Ich erzählte ihr von der Familie meines Bekannten und ihrem Sohn Tobias. „Tobias ist ein richtig netter und auch hübscher Kerl, der was auf dem Kasten hat“, sagte ich. „Wollen Sie mich verkuppeln?“ „Lieber nicht. Er hat so seine Probleme mit Frauen. Er ist viel im Internet, in Chatrooms. Über die Frauen, die er dort kennenlernt, macht er sich dann Bilder. Spinnt aus ihnen seine Traumfrauen, vollkommene Wesen. Siebenmal hat er sich schon mit welchen im realen Leben verabredet, jedesmal ein Fiasko.“ „Und jetzt komme ich“, sagte sie, „triefend nass, nach See und Fisch stinkend.“ „Tja, da werden wohl alle seine Hirngespinste verduften“, meinte ich vergnügt. Bei meinem Bekannten angekommen erklärte ich kurz die Situation. Seine Frau gab Sara etwas Trockenes zum Anziehen. Im Nachhinein denke ich, muss er der Augenblick gewesen sein, als Sara und Tobias sich auf dem Gang zum Bad trafen. Auf jeden Fall kam er mit geröteten Wangen in die Küche, wollte völlig untypisch nicht zurück an den PC. Beim späteren gemeinsamen Essen nahm er vom Bacalhau, den er eigentlich gar nicht mochte. Und auch Sara war weniger bissig in ihren Kommentaren. Nun galt es zu handeln. Ich fragte meinen Bekannten nach seinem Auto. Sara sagte ich, ich würde nach Emmenbrücke fahren, sie solle aber noch bleiben, damit sie sich ja nicht erkälte. Sie nahm dieses schwache Argument ohne Widerspruch an. Unterwegs liess ich mir Zeit, machte noch das eine oder andere. In Emmenbrücke holte ich in aller Ruhe das Geld, kam dann zu Sara zurück, fand sie mit Tobias ins Gespräch vertieft. Sie machten für den nächsten Tag ab. Als wir unten beim Wagen waren, meinte Sara: „Haben Sie es mitbekommen? Ich habe zugepackt.“ Auf der Wehntalerstrasse angekommen sagte ich: „Wissen Sie Sara, ich hätte da eine Idee. Ihrem Grossvater, der nichts mehr sehen will, wir müssen ihm andere Augen geben, neue Blickwinkel. Erzählen Sie von Tobias, vom Chatzensee, von Fischen, bei denen man zupacken muss. Erzählen sie vom Bacalhau, der auch in Zürich schmecken kann. Lassen Sie ihn durch ihre Augen schauen und sagen Sie ihm, sie hätten heute einen Termin für ihn gemacht.“ „Ich soll lügen?“ „Nur ein wenig flunkern“, sagte ich, „ich habe ihn nämlich im Unispital angemeldet. Sie werden sehen, er lässt sich darauf ein. Denn mit seinem Wunsch, das Geld aus Emmenbrücke zu holen, hat er ja gezeigt, dass er noch Interesse am Hier hat.“ In Schwamendingen ging dann alles schnell. Wie vorhergesagt liess der Grossvater sich auf den Termin ein. Als er mich bezahlen wollte, unterbrach ich ihn. „Ich muss das Auto zurückbringen. Aber wir sehen uns, auf dem Besinnungsweg, Station Begegnung.“ Dann verliess ich die Wohnung. Unterm offenen Fenster blieb ich stehen und hörte, wie Hanna in den Raum kam. „Ist er schon weg?“, fragte sie die beiden. Als sie dann von der Operation und Tobias hörte, meinte sie: „Jetzt ist alles klar: Wenn es jemand schafft, dass eine Kratzbürste wie du, liebe Sara, sanft aus den Augen schaut, und ein Holzkopf wie du, geliebter Ehemann, endlich zum Arzt geht, dann ist das ein Wunder. Das muss ein Engel gewesen sein.“ Was die anderen beiden dazu dachten und sagten, habe ich nicht mitbekommen. Aber für mich dachte ich: „ Ein Engel, nun, wenn sie es sagt.“

geschrieben und im Gottesdienst vom 22. August 2010 erzählt von Andreas Köhler-Andereggen

 
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